Nachtwache
Leseprobe
Prolog
Zwei Gemälde wollte er sehen. Mehr nicht. Das „Eismeer“ und den „Wanderer über dem Nebelmeer“. Er hatte Vieles über diese beiden Gemälde gelesen. Und nun musste er sie unbedingt mit eigenen Augen erleben. Als er den großen Saal betrat, stellte er ernüchtert fest, dass gerade diese beiden Bilder von Besuchern umlagert wurden. Er wusste, wie wichtig und wertvoll es war, ein Kunstwerk ungestört betrachten zu können. Nun sah er ratlos zu, wie sich die Menschen drängten, um einen Blick auf diese Bilder zu erhaschen. Es würde besser sein, später wiederzukommen, dachte er und überlegte, wann dieses Später wohl sein konnte. Eher zufällig schaute er auf ein Gemälde, das niemand beachtete. Düster und bedrohlich wirkte es. Unmittelbar davor befand sich eine Bank. Dort setzte er sich und schaute.
Zunächst war da nur Dunkelheit. Eine schmale weiße Linie teilte das Bild in eine obere und eine untere Hälfte. Finstere, grauschwarze Wolken lasteten über der Welt. In groben Wellen verdeckten sie den Himmel, beinahe sogar den Vollmond, der am oberen Bildrand nur angedeutet schien. Ein wenig Licht fiel herab, kaum fähig, das Meeresufer zu erhellen. Nahe der Küste spiegelte es sich auf dem Meer, näherte sich dem Betrachter auf dem ansonsten düsteren Wasser bis auf wenige Meter ohne jegliche Strahlkraft. Das Ufer blieb undurchdringlich dunkel. Rechts und links des schmalen Lichtkorridors fanden sich die schwachgrauen Silhouetten zweier Schiffe, deren versteinert wirkende Segel im Vordergrund über den Horizont hinausragten. Unmittelbar am Ufer war nichts zu erkennen, lediglich diffuse Abstufungen einer undurchdringlichen Dunkelheit.
Und doch musste es dort etwas geben, das seinen Blick anzog. Und nach einiger Zeit konsequenten Hinsehens schien es, als würden sich die Augen allmählich an die Dunkelheit gewöhnen. Da lagen zur Linken zwei einfache, kleine Ruderboote im Wasser. Ihre Formen waren aus der Finsternis hervorgetreten. Und es dauerte noch einmal eine Zeitlang, bis in der unteren Mitte des Gemäldes eine kleine Mole zu sehen war, graudunkeler Stein, dessen Umrisse nicht natürlich schienen und nur sichtbar wurden, weil seltsame, wohl metallene Gegenstände darauf lagen, vielleicht Anker, die dort vergessen worden waren. Hier gab es niemanden mehr.
Was blieb, war der Blick zum Horizont, der trotz aller Finsternis noch immer ein schwaches Licht aussandte. Und der Betrachter musste feststellen, dass das Wunder der Erhellung nach einigen Minuten seine Bannlinie fand. Dem Auge fiel es nun immer schwerer, den Blick zu halten, die Finsternis zu durchdringen. Die Reise in jene geheimnisvolle Szenerie schien beendet, so wie die Lebensfahrt der heimgekehrten Schiffe längst ein Ende gefunden hatte. Es war, als hätte der Himmel den Betrachter wieder freigelassen, um davonzugehen, vielleicht, um irgendwann einmal im Traum an diesen Ort zurückzukehren. Einen Hauch von Fliederduft meinte er nun wahrzunehmen. Er wandte sich um, aber da war niemand.
Er schloss kurz die Augen, erhob sich, etwas benommen, bemerkte, dass das „Eismeer“ und der „Wanderer“ noch immer die Aufmerksamkeit zu vieler Menschen fanden, und verstand erst jetzt, dass dies ein Glück für ihn gewesen war. Er würde noch einmal zurückkommen. Später.
So ging er zurück durch die großen Säle, achtete nicht auf die Gemälde, fand die breite Marmortreppe, die hinabführte, suchte nach einem Café, entdeckte stattdessen den Museumsshop und betrat ihn etwas unschlüssig. In einem Ständer mit Postkarten fand er Caspar David Friedrichs „Meeresufer im Mondschein“. Er betrachtete die Abbildung und musste ernüchtert feststellen, dass sie nicht lebendig war: So sehr er auch versuchte, seine Augen an die Dunkelheit dieser Abbildung zu gewöhnen, es trat nichts hervor, es geschah nichts vor dem Auge des Betrachters. Die Verwandlung fand nicht statt. Verwundert und etwas enttäuscht legte er die Karte zurück.
Wenig später saß er wieder auf der niedrigen Mauer, draußen am Rande des großen Museumsvorplatzes, holte die Wasserflasche aus dem Rucksack und trank einen kräftigen Schluck. Die Sonne blendete. Doch nach und nach begann der Himmel sich zu verdunkeln. Die Hitze in der Luft wurde drückender. Eine junge Frau schien ihn zu beobachten. Als er zu ihr blickte, wandte sie sich um und war plötzlich verschwunden. Und dann hörte man aus der Ferne Gewitterdonner.
Der Regen kam so schnell, dass es ihm gerade noch gelang, unter die Säulen des Museums zu flüchten. Nun sah er ihm zu, wie er den großen Platz flutete. Und hörte seinen Klang. Vielleicht war es jetzt der richtige Zeitpunkt, noch einmal zurückzukehren, an das Meeresufer im Mondschein. Das Gemälde hatte ihm eine Verwandlung geschenkt, eine neue Gewissheit. Die Nacht war nicht dunkel, nicht finster, nicht schwarz. Sie bewahrte ein Geheimnis, gewährte eine neue Art des Sehens. Und wer weiß? Wie würde es den anderen Sinnen ergehen? Wenn er selbst in die Nacht ginge. Dieser Gedanke ließ ihn nicht mehr los. Und so begann alles an diesem sonnenverwöhnten, gewittererfüllten Tag.